Das は‐が‐Dilemma Teil 4 – Kontrast
Geschrieben von flups amIm letzten Teil haben wir die Grundlage für ein Theatermodell gelegt mit dem Ziel, die Informationsstruktur eines japanischen Satzes zu erklären. Nun nähern wir uns langsam aber sicher dem Finale dieser Artikel-Serie. Dafür müssen wir noch ein Element einführen, das uns bisher noch fehlte: den Kontrast.
Zuerst aber noch ein Hinweis zur Notation. Im Folgenden gilt:
- Das Thema wird unterstrichen
- Der Fokus wird im deutschen Text in Kapitälchen und im Japanischen in halbbreiten カタカナ dargestellt.
Was ist Kontrast eigentlich?
Umgangssprachlich verbindet man mit Kontrast so was wie Gegensätze: schwarz und weiß; hoch und tief; laut und leise; gut, schnell und preiswert. Was uns diese Beispiele zeigen: Kontrast entsteht niemals allein.
Die Aussage
In Düsseldorf trinkt man Altbier.
ist für sich genommen noch kein Kontrast. Dieser entsteht in Verbindung mit einer weiteren Aussage:
In Köln trinkt man Kölsch.
Was diese Beispiele gemeinsam haben, ist nicht der Gegensatz selbst, sondern die Tatsache, dass immer mindestens eine Alternative mitgedacht wird. Daraus ergibt sich unsere Definition:
Kontrast ist die Aktivierung von Alternativen.
Was passiert hier? Wir haben die Alternativen „in Düsseldorf“, „in Köln“, und „in weiteren Städten“.
Im ersten Satz wird „in Düsseldorf“ als Thema gesetzt. Dadurch werden die Alternativen {in Köln, ...} mitaktiviert. Gleichzeitig richtet sich die Aussage aber ausschließlich auf „in Düsseldorf“.
Im zweiten Satz geschieht das Gleiche mit „in Köln“. Es wird als Thema gesetzt und vor dem Hintergrund der Alternativen {in Düsseldorf, … } betrachtet.
Im Japanischen funktioniert dies genauso. Eine Aussage für sich allein genommen stellt noch nicht unbedingt Kontrast her, aber im Zusammenhang mit einer zweiten Aussage wird das Thema sicher kontrastiert:
デュッセルドルフではアルトビールを飲む。
ケルンではケルシュを飲む。
Das heißt nicht, dass ein Satz für sich alleine keinen Kontrast erzeugen kann:
Für Frauen ist die Vereinbarkeit von Familie und Karriere schwierig.
女性には、家庭とキャリアの両立が難しい。
Diese Aussage kann sowohl nicht-kontrastiv aufgefasst werden – einfach als Feststellung über Frauen. Sie kann aber auch kontrastiv gedeutet werden: für Frauen (im Gegensatz zu Männern). Es kommt auf den Kontext an.
An der Stelle eine Zwischenfrage: Habt ihr euch schon mal darüber gewundert, dass sich Thema und Kontrast oft so anfühlen, als wären sie irgendwie das Gleiche, oder so was wie zwei Seiten einer Münze? Euer Gefühl hat euch nicht getrogen. Wenn im Japanisch-Lehrbuch ein Satz steht wie
„は markiert Thema und Kontrast“
dann müsste dieser eigentlich korrekterweise
„は markiert nicht-kontrastives Thema und kontrastives Thema“
lauten. Die grundlegende Funktion von は ändert sich nicht: es setzt das Thema (das Bühnenbild) und sagt uns: „Darüber reden wir jetzt!“ Erst aus dem Zusammenhang ergibt sich, ob Alternativen existieren oder nicht.
Was bedeutet das für unser Bühnenmodell?
Stellen wir uns das so ähnlich wie bei Starlight Express vor: Die Handlung ist nicht auf eine Bühne beschränkt, das Theater hat mehrere Bühnen. Jede Bühne hat ein eigenes Thema, welches durch das Bühnenbild präsentiert wird. Das Publikum hat alle Bühnen im Blick und kann die Bühnenbilder und die Handlungen miteinander vergleichen. Aber auch wenn die Handlung auf eine Bühne beschränkt ist, kann Kontrast im Zusammenhang mit anderen Szenen oder dem Hintergrundwissen entstehen.
Betrachten wir noch den Fall, dass nicht-kontrastives und kontrastives Thema in einem Satz vorkommen:
In Japan ist Minderjährigen der Alkoholkonsum verboten.
日本では、未成年者はインシュが禁止されている。
日本では gibt die Hauptbühne vor (das große Bühnenbild: Japan).
Auf die Bühne kommen Menschen aus allen Altersstufen: Minderjährige, Twens, Thirtysomethings bis hin zum Tattergreis. 未成年者は greift sich jetzt einen spezifischen Bühnenbereich heraus: Alle Minderjährigen gehen jetzt auf die linke Seite der Bühne, alle anderen auf die rechte.
Was nun folgt (das Alkoholverbot), betrifft nur diesen abgetrennten Bereich auf der Bühne. Die Erwachsenen auf der rechten Seite schauen quasi nur zu.
Nun können wir sogar eine zweite Bühne danebenstellen:
In Deutschland dürfen Minderjährige ab 16 Jahren Bier trinken.
ドイツでは、16歳の未成年はビールを飲むことができる。
Wir haben die Japan-Bühne und die Deutschland-Bühne nebeneinander.
Kontrast entsteht in dem Moment, in dem das Publikum mehr als eine Bühne (oder mehr als einen Bühnenbereich) sieht – oder deren Existenz im Geist annimmt – und die Bühnenbilder miteinander vergleicht.
Fassen wir kurz zusammen
1. Es gibt nur eine Bühne und die Handlung nimmt die ganze Bühne ein
Das Bühnenbild ist das Thema des Satzes.
Ob dieses Thema kontrastiv oder nicht‑kontrastiv ist, ergibt sich allein aus dem Zusammenhang:
- aus anderen Szenen,
- aus Hintergrundwissen,
- aus impliziten Alternativen.
Beispiel:
女性には als allgemeine Aussage oder im Vergleich zu 男性には auf der „unsichtbaren“ Männerbühne.
2. Es gibt nur eine Bühne, aber die Handlung konzentriert sich auf einen Bereich der Bühne
Das Gesamtbild ist das Gesamtthema des Satzes (kontrastiv oder nicht‑kontrastiv).
Der Bühnenbereich, auf dem die Handlung stattfindet, ist in der Regel kontrastiv, weil:
- das Publikum den Bereich mit anderen Bereichen derselben Bühne vergleicht,
- Alternativen innerhalb der Bühne sichtbar werden.
Beispiel:
未成年者は vs. その他の人々
zwei Bereiche derselben Bühne
3. Es gibt mehrere Bühnen
Jede Bühne hat ihr eigenes Bühnenbild, eigene Schauspieler und eine eigene Handlung.
Sobald mehrere Bühnen sichtbar sind, haben wir kontrastive Themen:
- Japan‑Bühne,
- Deutschland‑Bühne.
Das Publikum sieht beide Bühnen gleichzeitig und vergleicht sie.
Die VIP-Ausnahme für das kontrastive Thema
Es gibt einen einfachen, aber genialen Trick, mit dem ihr ein kontrastives Thema sofort erkennt – selbst wenn der Satz ganz alleine steht. Das kontrastive Thema besitzt nämlich ein Privileg, das dem nicht‑kontrastiven Thema strikt verboten ist: Es darf in abhängige Nebensätze hineinspazieren.
Normalerweise gilt im Japanischen eine Regel:
In Nebensätzen – also bei „weil…“, „wenn…“, „als…“ – hat das normale Thema は Hausverbot.
Dort übernimmt fast immer が, weil Nebensätze reine Handlungsräume sind. Sie haben kein eigenes Bühnenbild, sondern übernehmen das der Gesamtszene.
Wenn sich dort aber trotzdem ein は zeigt, passiert etwas sehr Interessantes:
Das Gehirn des japanischen Muttersprachlers schaltet sofort auf Kontrast.
Der Normalfall (が)
時間があるから、映画を見ます。
Weil ich (allgemein) Zeit habe, schaue ich einen Film.
Hier ist „Zeit haben“ ein Zustand. Kein Bühnenbild, kein Thema, kein Kontrast.
Die VIP‑Ausnahme (は)
時間はあるから、映画を見ます。
Weil ich Zeit zwar habe (aber vielleicht kein Geld, keine Lust oder keine Gelegenheit), schaue ich einen Film.
Hier setzt は ein Bühnenbild im Nebensatz.
Das Publikum sieht sofort Alternativen: Zeit vs. Geld vs. Lust vs. Gelegenheit.
Der Nebensatz wird zum kleinen Bühnenraum, und das Thema wird kontrastiv.
Das nicht‑kontrastive Thema kann diese Grenze nicht überschreiten.
Das kontrastive Thema hingegen grenzt so stark ab, dass es diese Barriere einfach durchbricht. Es bringt sein eigenes Bühnenbild mit.
Der kontrastive Fokus
Kehren wir ganz an den Anfang zurück. Im ersten Absatz des ersten Teils dieser Serie schrieb ich folgende Beobachtung:
Manchmal betont は etwas, manchmal ist es が.
Diese Aussage ist nicht falsch. Das Problem ist: Solange wir nicht wissen, was mit „betonen“ gemeint ist, hilft sie uns nicht weiter.
Wir wissen jedoch mittlerweile, dass wir Kontrast nicht losgelöst vom Diskurs betrachten, sondern in Kombination. Die in den JLPT-Lehrbüchern vorherrschende Dreiteilung in Thema, Kontrast und Subjekt ersetzen wir durch ein Vier-Felder-Modell:
|
Nicht-kontrastives Thema |
Kontrastives Thema |
|
Nicht-kontrastiver Fokus |
Kontrastiver Fokus |
Kontrastiver Fokus ist wohl deshalb so unterbewertet, weil er im Japanischen selten verwendet wird. Genau die Fälle, wo er auftaucht, machen uns jedoch Kopfschmerzen.
Bei kontrastivem Fokus fällt der Spot nicht nur auf einen Schauspieler, sondern auf mehrere. Dabei ist ein Spot besonders hell, während die anderen Schauspieler dunkler und gedämpfter beschienen werden. Das hat zur Folge, dass der kontrastive Fokus nicht dazu dient, Alternativen miteinander zu vergleichen. Stattdessen dient er dazu, aus einer Menge möglicher Alternativen genau eine zu identifizieren.
-
私はジョンデス。
Was mich angeht, ich bin John.
私は ist das Bühnenbild und der Spot liegt auf der Aussage „bin John“. Selbst wenn jemand auf Bühne 2 steht und sagt:
-
私はデレンデス。
Ich bin Delenn.
Dann stehen beide Bühnen gleichberechtigt nebeneinander. Das Publikum betrachtet John und Delenn als zwei unabhängige Aussagen. Keine von beiden wird als die einzige richtige Antwort auf eine offene Frage hervorgehoben.
Anders sieht es jedoch beim Spot aus.
-
ワタシガジョンです。
Ich bin John.
Hier fällt der helle Spot jedoch auf 私が. Die Alternativen stehen weiterhin auf der Bühne, werden aber so schwach beschienen, dass sie fast unsichtbar werden. Der Satz nennt sie nicht einmal – ihre Existenz wird lediglich vorausgesetzt.
Kontrastiven Fokus hat man regelmäßig in Verbindung mit geschlossenen Fragen:
- Q: ダレガ先生ですか。
Wer ist Lehrer?
A: ドミニクガ先生です。
Dominik ist Lehrer.
Oder in der Izakaya:
- Q: ダレガ払うでしょうか。
A: ワタシガ!
B: いや、ワタシガ!
Hier geht es nicht darum, A und B miteinander zu vergleichen. Beide versuchen vielmehr, sich selbst als die richtige Person zu identifizieren. Erst drängt sich A ins helle Scheinwerferlicht und sagt: „Ich bezahle!“, doch dann schubst ihn B raus und sagt: „Nein, ich!“.
Beim kontrastiven Thema werden zwei oder mehr Einheiten miteinander verglichen.
Beim kontrastiven Fokus wird ein bestimmtes Element aus einer Gruppe identifiziert und herausgegriffen.
Der Vorhang zu und alle Fragen offen?
Wir haben es geschafft. Unser Theatermodell ist so weit fertig, dass wir einen Großteil der Fälle sauber, konsistent und ohne Ansammlung von Ausnahmen erklären können. Wir müssen uns nur stets ein paar Fragen stellen
- Wie viele Bühnen gibt es?
- Was ist das Bühnenbild?
- Wer sind die Schauspieler?
- Wie viele Spots zeigen auf die Bühne?
- Wohin zeigt das hellste Spotlight?
Was wir nur angedeutet haben, ist der Umgang mit Nebensätzen in Form von Teilszenen. Im Prinzip geht man an diese Devise „teile und bezwinge“ heran. Man muss darauf achten, ob die Teilsätze ein eigenes Thema einführen können (also ein eigenes Bühnenbild aufbauen), oder ob sie das Thema des übergeordneten Hauptsatzes übernehmen. Ich werde diesen Punkt eventuell noch in einem eigenen Beitrag aufnehmen.
Unser Modell ist also fürs Erste fertig, aber keineswegs vollständig. Und das muss es auch nicht sein.
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